Ça roule - Rollschuh und Rollstuhl gemeinsam unterwegs in Europa


vendredi 16 juin 2017
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Der französische Verein Mobile en Ville nimmt mit einem Team aus Rollstuhlfahrern und Inlineskatern am diesjährigen Berlin-Marathon teil. Eine einmalige Gelegenheit, den Pariser Verein und seinen Einsatz für bessere Mobilität von Rollstuhlfahrern kennenzulernen.



© Mobile en Ville

"Um uns zu verstehen, müssen sich die Leute in uns hineinversetzen können," davon ist Catherine Dupont überzeugt. Die Vorsitzende des Vereins Mobile en Ville sitzt selbst seit fünf Jahren im Rollstuhl, und kämpft unermüdlich für eine bessere Integration von Rollstuhlfahrern in der Gesellschaft.
 
Ihr Verein hat sich der Förderung der Mobilität "von allem, was Räder hat", verschrieben. Von Fahrrädern über Roller und Inlineskates, bis hin zu Rollstühlen und Kinderwagen, sie alle verbindet die gemeinsame Herausforderung, in Städten unterwegs zu sein, die vor allem auf Autos und Fußgänger ausgerichtet sind.

Gegründet wurde Mobile en Ville 1998 von einer Gruppe aus Inlineskatern und ihren Kollegen, die im Rollstuhl saßen, aber trotzdem gemeinsam unterwegs sein wollten. Zusammen begannen sie, sich für bessere Mobilitätsmöglichkeiten in Paris und Umgebung einzusetzen. Gemeinsame Wochenendausflüge und Stadttouren waren von Anfang an Teil des Programms.
Den Alltag im Rollstuhl kennenlernen
Heute widmet sich Mobile en Ville neben gemeinsamen Freizeitaktivitäten vor allem der Sensibilisierung der Gesellschaft in Bezug auf den richtigen Umgang mit körperlich behinderten Mitbürgern.
 
Der Verein bietet daher einen ganzen Katalog an Seminaren und Fortbildungen an, die neben Sponsorengeldern und Spenden die Haupteinnahmequelle bilden. Von geführten Rollstuhltouren durch die Stadt bis hin zu einem Parcours im Dunkeln und Einführungskursen zur Gebärdensprache ist alles dabei.
 
Vor allem Schulen und öffentliche Einrichtungen zählen zu den wichtigsten Kunden des Programms. In der Sommerhitze eines Nachmittags im Juni ist Mobile en Ville bei einer Grundschulklasse im Pariser Vorort Fontenay-Sous-Bois im Einsatz. Die Schüler sollen heute ihre Umgebung im Rollstuhl oder mit Augenbinde erkunden.
 
Die elfjährige Eloise ist die Erste, die mit der schwarzen Binde vor den Augen nichts mehr sieht. Vorsichtig führt ihre Freundin Marie sie an den Straßenrand. "Hast du gehört, dass ein Auto neben dir angehalten hat?", fragt Catherine Dupont. Sie möchte den Kindern vermitteln, dass Sehbehinderte sich im Alltag auf andere Sinne als die Augen verlassen müssen.
 
Währenddessen kämpft der zehnjährige Nicolas in seinem Rollstuhl mit dem abschüssigen Gehsteig. Catherine Dupont führt in ihrem eigenen Rollstuhl vor, wie er mit gezielten Griffen an die Außenreifen gegensteuern muss, und zeigt ihm, dass er sich im Notfall auch an Laternenpfählen und Zäunen entlanghangeln kann.


© Mobiles en Ville
Rathaus im Rollstuhl – Eine Herausforderung
Danach steht ein Besuch in den örtlichen öffentlichen Einrichtungen auf dem Programm. Erstes Hindernis am Rathaus: Eine viel zu steile Rollstuhlrampe. "Man kann da schön runterfahren," sagt Dupont zu den Kindern, "aber wie kommt man dann wieder herauf?". Ratlose Blicke, und der Entschluss, diesen Teil des Rathauses nicht zu besuchen. Ein Verzicht, der für Rollstuhlfahrer zum Alltag gehört, vielen ihrer Mitbürger aber kaum bewusst ist.

Als Catherine Dupont mit den Kindern zum Aufzug kommt, schlendert dann doch neugierig eine Angestellte heran : "Das hat mich immer schon interessiert,  ob der wohl groß genug ist", sagt sie, während Dupont hineinrollt. Mit ihrem speziellen extraleichten und sportlichen Rollstuhl passt sie gerade so durch, doch damit ist sie vermutlich eine Ausnahme.  "Mit den herkömmlichen, von der Kasse bezahlten großen Rollstühlen hat man hier keine Chance", meint sie kopfschüttelnd. Und natürlich gebe es keinerlei Möglichkeiten, vorher herauszufinden, welche Maße der Aufzug in dem Gebäude hat, das man besuchen möchte.
 
Nächste Station, die Behindertentoilette. Es ist bereits die dritte an diesem Tag, die Catherine Dupont nicht benutzen kann. Meist sind die Halterungen falsch angebracht, und sie kann sich nicht abstützen, um sich auf den Toilettensitz zu heben. In der Rathaustoilette ist noch dazu das Waschbecken genau so angebracht, dass es nicht genug Platz lässt, sich mit dem Rollstuhl neben die Toilette zu stellen. Schon wieder ein langer Weg umsonst. 
Gemeinsam unabhängig werden
"Wir würden sehr gerne mit Architektenbüros und Stadtplanern zusammenarbeiten, um sie in dieser Hinsicht zu beraten", sagt Dupont. "Wir könnten ihnen ja ganz einfach zeigen, was geht und was nicht. Meist werden zwar die offiziellen Normen eingehalten, im Alltag sind die Vorrichtungen für Behinderte aber oft unbrauchbar."
 
Die Konsequenz: Viele gehbehinderte Bürger verlassen kaum das Haus, und bleiben in vielen Lebensbereichen von der Hilfe ihrer Umgebung abhängig.
 
"In unserer Gesellschaft wird ein Behinderter als jemand wahrgenommen, dem man andauernd helfen muss", sagt die Vereinsvorsitzende, und schüttelt missbilligend den Kopf. "Wir von Mobile en Ville möchten die Unabhängigkeit fördern. Jeder Mensch möchte sich doch ein gewisses Grad an Freiheit und Autonomie bewahren!"
 
Um zu zeigen, dass es anders geht, dass auch körperlich behinderte Menschen Sport machen, an der frischen Luft sein und am Leben mit Nichtbehinderten teilnehmen können, hat der Verein sich in diesem Jahr ein ganz besonderes Event ausgesucht. Wenn Ende September in Berlin der weltberühmte Berlin-Marathon stattfindet, werden 14 Vereinsmitgleider mit und ohne Behinderung die 42,195 km lange Strecke bestreiten, und gemeinsam die Zielgerade am Brandenburger Tor überqueren.
 
Das Team wird dabei als sogenannter "Zug" fahren, der aus einem Rollstuhlfahrer und bis zu vier Skatern besteht, die in V-Form formiert von hinten anschieben. Lenkung und Bremsmanöver übernimmt der Rollstuhlfahrer, der dafür mit einem fahrradähnlichen Vorbau inklusive Handbremsen ausgestattet ist.
  

© Mobiles en Ville
Neue Freunde in ganz Europa
Für die Mitglieder von Mobile en Ville ist es nicht das erste Mal, dass sie sich in dieser Formation einer sportlichen Herausforderung stellen. In den letzten fünf Jahren hat der Pariser Verein bereits mehrtägige gemeinsame Inliner-Rollstuhl-Fahrten organisiert. 2012 ging es im Rahmen der Olympischen Spiele bis nach London, 2014 nach Brüssel und zwei Jahre später nach Straßburg. Die Etappen in den Ortschaften auf der Durchreise, aber auch den Aufenthalt im Zielort nutzten die Teilnehmer dafür, die dortige Bevölkerung im Hinblick auf die Mobilität und Inklusion von Behinderten in die Gesellschaft zu mobilisieren.

Die geplante Teilnahme am Berlin-Marathon soll daher auch ein erster Schritt sein, um Mobiles en Ville in Deutschland bekannt zu machen und Kontakte für zukünftige deutsch-französische Projekte zu knüpfen. "Unser Ziel ist auch, interessierte Deutsche zu uns nach Paris einzuladen", sagt Mathilde Kordel, die sich für den Verein um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. "Wir könnten sie zum  Beispiel dabei unterstützen, ein deutsches Inlineskater-Rollstuhlteam aufzubauen."


© Mobiles en Ville

Marc Zirnheld, ein Freiwilliger, der schon seit Gründungszeiten dabei ist, berichtet von den positiven Erfahrungen, die die Gruppe auf den Streckenabschnitten im Ausland machen konnte: "An vielen Orten, an denen wir bei unseren Sportevents durchgekommen sind, haben wir neue lokale Teams gegründet. Das ist gar nicht so schwer, man braucht nur ein paar Skater und ein motiviertes Rollstuhlteam, fertig!" Am Marathon in Berlin werden die Franzosen gemeinsam mit einem Schwesterteam aus London antreten, gegründet anlässlich ihres dortigen Sportevents vor fünf Jahren.
 
Noch 15 Wochen bleiben den Sportlern bis zum Startschuss in Berlin. Eine Besonderheit ihrer Teilnahme, auf die sie besonders stolz sind: Im Vergleich zu anderen ähnlichen Wettkämpfen treten sie diesmal nicht in einer separaten Behindertenklasse, sondern im allgemeinen offiziellen Inlineskates-Marathon an. Vielleicht ein erster Schritt in Richtung dessen, was Catherine Dupont ihre Idealvorstellung nennt: "Eines Tages einfach gemeinsam leben zu können, ohne immer nur über Behinderungen zu sprechen."

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