Von Sabine Weber

Bernard-Marie Koltès: Vom Theater an die Oper


vendredi 13 fvrier 2015
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Noch heute gilt Bernard-Marie Koltès als einer der modernsten und ist einer der meistgespielten französischen Bühnendramatiker. Sein früher Tod 1989 hat zu seinem Mythos beigetragen. Und an diesem wird weitergearbeitet - seit letztem Jahr gibt es eine Koltès-Oper.












Im September hat die Straßburger Opéra national du Rhin die Spielzeit 2014-2015 mit der Uraufführung der Oper Quai Ouest eröffnet. Deren Libretto ist Wort für Wort aus dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès (1948-1989) entwickelt worden. Auch an der Staatsoper in Nürnberg ist die von Régis Campo vertonte und von Kristian Frédric inszenierte Oper ab Januar zu sehen. Von dort ging die Initiative zu dieser Koproduktion aus, die von persönlichen Kontakten lebt. Frédric kennt den Nürnberger Intendanten Peter Theiler und träumte schon länger davon, aus einem Stück von Koltès eine Oper zu machen. "Es ist eine Sprache, die mich berührt, die mich umhaut, ich kann es ihnen gar nicht erklären", schwärmt Frédric. "Koltès verpflichtet, sich selbst zu betrachten. Und er lässt einen dabei schwanken, unglaublich." Theiler lässt sich überzeugen und holt seinen Intendantenkollegen Marc Clémeur von der Opéra national du Rhin ins Boot. Frédric, der François Koltès, den älteren Bruder von Bernard-Marie kennt, kümmert sich um die Aufführungsrechte.

Stricher, Junkies und Ganoven

Koltès, der mit nur 41 Jahren an Aids verstarb, hat Kristian Frédric noch persönlich erlebt. Als kleiner Assistent des weltberühmten Theater- und Opernregisseurs Patrice Chéreau war er im Pariser Théâtre des Amandiers bei einer Leseprobe mit Koltès dabei. Ein unvergessliches Erlebnis für Frédric. Das Théâtre des Amandiers ist unter anderem mit Koltès berühmt geworden. Chéreau hatte seine erste Spielzeit als Theaterdirektor 1983 mit einem Stück von Koltès eröffnet. Ein Bekenntnis zu einem Autoren, der ungewöhnliche Schauplätze ins Theater bringt: Autobahnen, Industriebrachen oder kaputte Bars, bevölkert von Strichern, Junkies, Ganoven, Migranten und Ausländern. Schon die Titel sprechen für sich: Combat de nègre et de chiens (1981) oder Dans la solitude des champs de coton (1987). Handlung gibt es meist wenig, Auseinandersetzungen und Kollisionen finden in Dialogen statt. So will in Quai Ouest (1986) ein unlauterer Geschäfts- mann namens Koch Selbstmord begehen. Mit Chefsekretärin im Schlepptau trifft er in einem verlassenen Hafenviertel auf illegale Einwanderer. Jeder versucht seinem Schicksal zu entkommen oder es herauszufordern. Die wichtigste Figur ist ein stummer Nordafrikaner, dessen Gedanken schwarz umrandet im Textbuch nachzulesen sind.
Quai Ouest sei "ein sperriges Stück wegen der ungewöhnlich langen Monologe", meint Thomas Maagh, Lektor im Frankfurter Verlag der Autoren, der seit 2002 die deutschsprachigen Aufführungsrechte hält. In einer umstrittenen "freien Übersetzung" von Heiner Müller kam Quai West bereits 1986 in Bochum und Mannheim auf die Bühne. Hamburg, Dortmund, Stuttgart und Kassel folgten. 2010 wird das Stück in neuer Inszenierung am Wiener Burgtheater und an der Berliner Volksbühne aufgeführt. Auch Koltès' letztes Werk Roberto Zucco (1988) erlebt in Berlin seine posthume Uraufführung, 1990 an der Schaubühne inszeniert von Peter Stein. "Seit 1983 wurde Bernard-Marie in Deutschland deutlich häufiger gespielt als in Frankreich", so Koltès' Bruder François. "Chéreau hat in Frankreich die Hand über ihn gehalten." An dem Koltès-Chéreau-Label habe sich dort niemand vorbei gewagt.Ganz andere Möglichkeiten hatten sich Koltès in der deutschen Bühnenlandschaft mit ihren vielen Theaterhäusern eröffnet. Nicht einzelne Koltès-Inszenierungen haben hier stilbildend oder dominant gewirkt. "Zu unterschiedlichen Zeiten haben Regisseure unterschiedliche Aspekte in seinem Werk entdeckt und herausgearbeitet", so Thomas Maagh. In den 1980er-Jahren seien es die heruntergekommenen "coolen" Milieus gewesen und die gesellschaftlichen Randfiguren. Heute seien es die Migrationsthematik und die Frage nach den Folgen der Globalisierung.
Aber taugt dieses Underdogtheater denn auch für die Oper? Kristian Frédric meint ja. Zusammen mit Florence Doublet hat er das Libretto erarbeitet, das im Wesentlichen eine gekürzte Fassung von Koltès Bühnentext ist. Der Komponist Régis Campo hat dazu 30 Sequenzen vertont. "Ich glaube, Campos Musik vermag die Atmosphäre des Stückes ganz gut wiederzugeben", meint Dirigent Marcus Bosch, der die Straßburger Uraufführung geleitet hat. Im Rahmen der Koproduktion wird er als Generalmusikdirektor auch in Nürnberg im Orchestergraben stehen. Seit Jahrzehnten würden Operninszenierungen in prekäre Milieus wie die von Quai Ouest verlegt, meint Bosch. Die Oper spiele aber schon von vornherein in einer dunklen, gottverlassenen Hafenhalle.
Der "Clash der Kulturen" findet auch in der Musik von Régis Campo seinen Wiederhall. Jazzige Rhythmen, ein Damenterzett in Rosenkavalierqualität, folkloristische Anleihen oder Elektrosounds aus dem Synthesizer und von zwei Elektrogitarren mischt der Komponist für die Charakterisierungen der Figuren ab. Mit Neuer Musik hat das aber wenig zu tun. Die sieben Sänger, darunter ein Countertenor, sorgen für den klassischen Opernton und singen offenkundig dankbare Partien für die Solisten. Bei der Uraufführung im September wurde Quai Ouest vom französischen Publikum gefeiert. Im Januar wird die Oper nun auch in Koltès' deutscher Theaterheimat auf den Prüfstein gestellt.

Die deutsche Erstaufführung von Quai Ouest hat am 17. Januar in der Staatsoper Nürnberg stattgefunden (www.staatstheater-nuernberg.de).
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