- Rédactrice en chef adjointe

Von den Socken zu den Panzern


lundi 25 septembre 2017
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Unkaputtbare Vorurteile, feinste Stereotypen und die bittere Wahrheit: Damit, was es bedeutet, deutsch zu sein, beschäftigt sich das Pariser Theaterkollektif Schwarzbrotgold in ihrem neuen Stück, das noch bis Mai im Théâtre Feux de la Rampe gezeigt wird. Ein Blick hinter die Kulissen.



Schwarzbrotgold © Saul Stefen

"Jetzt seien Sie doch nicht so kleinkariert, warum kann ich denn nicht hier sitzen bleiben?" Peinliche Stille macht sich im Theater breit. Stirnrunzeln, unsicheres Lächeln, man wirft sich verwirrte Blicke zu. "Diese Plätze sind für die Presse reserviert, bitte setzen Sie sich auf einen Platz in den hinteren Reihen", beharrt der Schauspieler. "Aber dort sehe ich doch überhaupt nichts!", empört sich die Zuschauerin nun mit energischer Stimme. "Florian, das ist doch nicht so schlimm", versucht ihn seine Schauspielkollegin zu beruhigen. "Setzen Sie sich erst einmal zu mir auf die Bühne", nimmt sie die aufgebrachte Zuschauerin am Arm. "Spielen wir eine Partie Mensch ärgere Dich nicht!"

"Wir drehen uns in dem Stück um die Frage, was typisch deutsch ist und was nicht, und ob es das überhaupt gibt, typisch deutsch", erklärt Florian Bartsch, Schauspieler, Produzent und künstlerischer Leiter von Schwarzbrotgold, dem laut eigenen Angaben "ältesten und kreativsten deutschsprachigen Theaterkollektiv von Paris". Schwarzbrotgold, das sind Annika Ellenberger, Claire-Monique Scherer, Corinna de la Motte, Florian Bartsch und Verena Walden. Vier Deutsche und eine Deutsch-Französin, die sich teilweise noch aus der Theater-AG in der Schule kennen und seit 17 Jahren in der französischen Hauptstadt zusammen Theater machen. Noch bis Mai führen sie im Théâtre Feux de la Rampe im Pariser Theaterviertel ihr neues Stück Typisch deutsch! auf.

Das Deutschlandbild entstauben


"Deutschland kann auch sexy sein", findet Florian Bartsch. Damit es so  aber auch wahrgenommen werde, müsse das Deutschlandbild im Ausland etwas entstaubt werden. Und welches Mittel würde sich hierfür besser eignen als Humor, ein den Deutschen so oft abgesprochenes Wesensmerkmal. Lange Zeit haben Schwarzbrotgold deshalb Theater zum Thema Erotik gemacht. In einem besetzten Haus oder der alteingesessenen Udo-Bar im 11. Arrondissement, einst von einem deutsch-französischen DJ-Pärchen geleitet, verführten sie ihr Publikum mit Erotischem zur Nacht. Erlebnistheater, bei dem die Schauspieler schon einmal auf dem Bartresen liegend ihre Texte vortrugen und sich die Zuschauer mit Gedichten beschreiben lassen mussten.

Nach über zehn Jahren habe das Theaterkollektiv dann aber erst einmal "die Schnauze voll von Erotik" gehabt und sei auf das Thema "typisch deutsch" gekommen. "Natürlich gibt es krasse Vorurteile, wie dass sich deutsche Frauen nicht die Achseln rasieren, Deutsche ständig in Birkenstocksandalen rumlaufen und darin natürlich Socken tragen", so Bartsch. Einige dieser Vorurteile seien einfach nicht tot zu bekommen, teilweise aber eben doch wahr. So ist sicherlich nicht nur Florian Bartschs Vater tatsächlich ein Liebhaber von Socken in Sandalen.

© Saul Stefen

An dieser Schnittstelle zwischen festgefahrenen Stereotypen und der schmerzhaften Wahrheit reibt sich Typisch deutsch! und lädt das Publikum dazu ein, sich wiederzuerkennen, auch einmal über sich selbst zu lachen und den Fragen "Wer bin ich und wer bin ich als Auslandsdeutscher?" nachzusinnen. Um seine Antworten zu finden, müssen die Zuschauer auch nicht einmal bis zum Ende des Stücks warten, sondern werden gleich mit auf die Bühne gebeten. Deutschland, das Land der flirtunwilligen Männer und der mutigen Frauen? Diesem Vorurteil geht es direkt mit einer Flirt-Challenge an den Kragen, in der mehrere Damen ihr verführerisches Talent an einem – selbstverständlich deutschen – Zuschauer testen dürfen. Fazit: Die Lachmuskeln schmerzen, aber flirten können wohl beide Seiten nicht. Irgendwie scheinen sie's ja aber doch hinzubekommen mit der Liebe, die Deutschen.

Ensemble-Struktur vs. "Nomaden-Stück-Kultur"


Nicht nur auf allgemein Bekanntes legt Schwarzbrotgold den Finger, sondern zeigt auch typisch Deutsches, das nicht jedem unbedingt bewusst ist. Eierpikser, Eierkocher, Eierbecher, Eierwärmer, Eierlöffel, Eierzerteiler, Eierschalen-Sollbruchstellen-Verursacher. Im Ländervergleich haben die Deutschen wohl nicht nur die schönsten Schachtelwörter, sondern auch die meisten Utensilien zum Eieressen. Neben ihrer Leidenschaft fürs Eieressen zählen sie außerdem, ähnlich den Japanern, zu den besten Zuhörern. Denn während Vertreter anderer Nationalitäten schon nervös auf ihren Stühlen hin und her rutschen, sind die Deutschen daran gewöhnt, manchmal auch etwas länger zu warten – auf das Verb am Satzende. 

© Flickr - Falk Lademann

Beim Pariser Publikum kommt das rein deutschsprachige Theater gut an, auch wenn nach nur 70 Minuten Spielzeit die ein oder andere enttäuschte Stimme zu hören ist. Schon eine Woche vor der Premiere war das Stück ausverkauft. "Auch wieder deutsch: das Mitdenken und Vorplanen", scherzt Produzent Bartsch, der im Théâtre Feux de la Rampe außerdem Theater auf Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch macht. Nebenbei gibt er Theaterseminare oder tritt auf Firmenevents und Festivals auf. Denn anders als in Deutschland, das vom Ausland häufig um seine Ensemble-Struktur beneidet wird, gebe es in Frankreich eine "Nomaden-Stück-Kultur". Als Schauspieler spiele man selten immer am selben Theater, sondern sei meist "Migrant von Haus zu Haus". Mit mehreren Standbeinen ließe es sich aber auch hierzulande gut vom Theater leben. Demnächst plant Schwarzbrotgold, mit dem Goethe-Institut im Ausland auf Tour zu gehen. Dort wird es sicherlich auch wieder ums Typisch-Deutsch-Sein gehen. Aber gibt es das denn jetzt überhaupt? "Eigentlich nicht – aber vielleicht doch", lacht Florian Bartsch.


Typisch deutsch!, Mittwoch den 27. September, 18. Oktober, 15. November und 6. Dezember, jeweils um 20 Uhr im Théâtre Feux de la Rampe, 34 rue Richer, 75009 Paris, www.theatre-lesfeuxdelarampe.com. Schwarzbrotgold: www.facebook.com/Schwarzbrotgold.Paris.
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